Graber Pulver Architekten AG

Berufsschule GIBB Viktoria, Bern

Prämierung

best architects 13

Kategorie

Öffentliche Bauten

Ort

Zürich

Foto

Walter Maier

Website

www.graberpulver.ch

Eine architektonische Fusion 

1906 vom bekannten Berner Architekten Otto Lutsdorf errichtet, bildet der Bau der ehemaligen Sekundarschule Viktoria zusammen mit der alten Turnhalle und dem prächtigen Baumbestand ein Ensemble von historischer Relevanz und hohem denkmalpflegerischem Wert. Bei der Projektierung der Erweiterung für diesen herausragenden Zeugen der Neurenaissance faszinierte uns von Beginn weg die Mehrschichtigkeit der städtebaulichen und architektonischen Problemstellung. Welcher entwerferische Ansatz sollte verfolgt werden, wenn im Rahmen einer schulischen Neuorganisierung ein Raumprogramm nahezu verdoppelt werden musste? Worin lag die Angemessenheit des Eingriffes und welches war die richtig tarierte Haltung angesichts Bestand und Kontext? Sollte der einbündige Altbau einfach um eine Schicht verdickt oder das zusätzliche Programm mit erheblichen betrieblichen Nachteilen kontrastreich in einem separaten Gebäude organisiert werden? Oder sollte alt und neu vielmehr in eine Art ‚gleichberechtigte Beziehung’ gesetzt werden? Solche und andere Fragen galt es differenziert auszuloten. Taugliche Antworten fanden wir in einer - schrittweise entwickelten - Neubaufigur, die den Altbau aus seiner inhärenten, typologischen Logik eines Einbünders zu einer unerwarteten, räumlich komplexen und weitaus leistungsfähigeren Gesamtanlage weiterbaute, dabei betrieblich geradezu optimale Nutzungsmöglichkeiten eröffnete und überdies städtebaulich wie architektonisch komplett neue Qualitäten offenbarte. Durch unseren Entwurf wird der Altbau hofseitig mit einem winkelförmigen Trakt ergänzt und zu einer neuen Gesamtanlage verdichtet, welche den ehemals eher vernachlässigten Hof in drei unterschiedliche Bereiche gliedert und ein betrieblich effizientes, ringförmiges Erschliessungsprinzip etabliert.  

Dabei werden die Korridore in Alt- und Neubau zu einem Rundlauf verhängt, welcher sich zwischen der alten und der neuen Treppenanlage in gegenüber liegenden Ecken aufspannt, kurze Wegbeziehungen schafft und zahlreiche Optionen in der funktionalen und räumlichen Zuteilung der Nutzergruppen eröffnet. Mit dem an zwei Stellen rückseitig angedockten Gebäudeteil erhalten die bislang primär formalen Elemente der Risalite eine physische Verankerung, und hinter den ehedem gliedernden Elementen der Fassade wird eine räumliche Verknüpfung aufgebaut, welche die Typologie der Anlage komplett transformiert. Herzstück der Anlage bildet ein neu geschaffener, zentraler Lichthof, eingelagert zwischen Alt- und Neubau. Er versorgt die Erschliessungsbereiche mit Licht und Luft und ermöglicht eine gute räumliche Orientierung innerhalb des Schulgebäudes. Eine Art Piazza bildet einen neuen Zugangs- und Aufenthaltsraum innerhalb des Gevierts. Dieser Platz verknüpft das Schulgebäude mit der alten Turnhalle in der nordwestlichen Ecke des Areals. Eine Platane spendet den Gästen der Mensa und Cafeteria im Aussenbereich Schatten und prägt die Atmosphäre dieses Eingangshofs massgeblich mit. Ein grosszügig konzipierter Quartiergarten wiederum vernetzt im südlichen Teil des Areals die Schulhausanlage mit dem Quartier. Dieser Garten dient sowohl Schülern wie auch Quartierbewohnern als wichtiger Erholungsraum. Die im Profil wellenartig geschwungene Liegewiese mit feingliedrigen, schattenspendenden Felsenbirnen lädt zum Verweilen und verweist elegant abfallend zum Laborgeschoss im Soussol, welches auf diese Weise mit Tageslicht versorgt werden kann. Der Wille, aus Alt- und Neubau ein Gebäude zu konzipieren bei dem der Neubau eine eigene selbstbewusste Identität etabliert, manifestiert sich nicht nur auf typologischer sondern auch auf architektonischer Ebene. So werden Themen wie Plastizität, Massivität und Feingliedrigkeit aufgegriffen und mittels vorfabrizierten, eingefärbten und sandgestrahlten Kunststeinelementen weiterentwickelt. Die plastische Durchbildung der Gebäudehülle, sowie die tektonische Fügung und Hierarchisierung ihrer horizontalen und vertikalen Elemente etablieren eigene Prinzipien, orientieren sich aber in ihrer Gliederung in Sockelgeschoss, Mittelpartie und abschliessendes Obergeschoss am Altbau. Mit durchgehenden Raumhöhen von 3.6 Metern und bewussten Verwandtschaften in Farbigkeit, Detaillierung und Materialisierung wird der entwerferische Ansatz des Weiterbauens und Verwebens von alt und neu auch im Inneren des Gebäudes umgesetzt. Ohne ihre Identität aufzugeben ‚fusionieren’ Altbau und Neubau gewissermassen zu einem neuen Ganzen und entwickeln erst über das räumliche und funktionale Zusammenwirken ihre wirklichen Qualitäten als Gesamtanlage. 

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